21. Januar 2016 Kulturtisch - "Innere Emigration?", Dr. Beate Marks-Hanßen

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INNERE EMIGRATION? beschäftigt sich mit einer Gruppe von Avantgarde-Künstlern, die unter dem Nationalsozialismus in Deutschland lebten und die mit diesem Begriff konnotiert werden. Das politische Schlagwort der "inneren Emigration", dessen Ursprung bereits in der Zeit des Dritten Reiches liegt, wurde nach 1945 in der Bundesrepublik zunehmend populär. Es ruft bis in die Gegenwart den Gedanken an die Diffamierung und Verfolgung der künstlerischen Avantgarde in den Jahren der Hitler-Diktatur hervor, die darauf mit Eskapismus, Verweigerung oder gar politischer Opposition reagiert haben soll. Vergleichende, kritische Abhandlungen zur Frage und Problematik der "inneren Emigration" sind in der kunsthistorischen Forschung dennoch bis heute nicht erfolgt. Eine positivistische, kunstsoziologische Studie von Dr. Marks-Hanßen gibt zunächst einen Überblick über die Rezeptionsgeschichte der "inneren Emigranten" von 1945 bis heute. Der generalisierenden Rezeption "innerer Emigranten" als (kunst-)politischen Opfern des faschistischen Systems widersprechen die Ergebnisse der Analyse der nationalsozialistischen Kulturpolitik in ihrer Anwendung auf die "verfemten" KünstlerInnen. Die Untersuchung, der in erster Linie bisher größtenteils ignorierte Quellen aus der NS-Reichskulturkammer zugrunde liegen, hat gezeigt, dass die "inneren Emigranten" durchaus nicht nur von Restriktionen durch die kunstpolitischen Instanzen des Dritten Reiches betroffen waren, sondern dass sie partiell auch von fördernden Maßnahmen des NS-Staates profitierten und dabei durchaus divergierende Tendenzen der Anpassung, des Rückzugs und der Verweigerung oder der Opposition zeigten, die sich auch in ihren Werken nieder schlugen.

Wir freuen uns auf rege Diskussionen zu einem spannenden Thema!

Hartmut Wallraf
Vorstand